Warum ich mir zu Silvester keine Knochenbrüche wünschen lasse

Jedes Jahr aufs Neue.
Kaum nähert sich der 31. Dezember, wünschen mir Menschen einen „guten Rutsch“.

Und jedes Jahr frage ich mich:
Wohin eigentlich?
Worüber?
Und warum auf glattem Untergrund?

Ich gehe aufrecht ins neue Jahr.
Nicht rutschend.
Nicht schlitternd.
Nicht mit angezogener Handbremse und Helm.

Der „Rutsch“ – ein Wunsch mit Schleudertrauma

Sprachlich betrachtet ist der „gute Rutsch“ eine bemerkenswerte Zumutung.
Während man mir Gesundheit, Klarheit oder Erfolg wünscht, rät man mir gleichzeitig zu einer Bewegung, die in Mitteleuropa hauptsächlich in der Notaufnahme endet.

Ein Rutsch ist hierzulande kein Aufbruch.
Er ist ein Kontrollverlust.
Er ist Eis, Nässe, Schwerkraft – und anschließend Krankenschein.

Trotzdem wird er millionenfach verteilt, gut gemeint, unbedacht, ritualisiert.

Die akademische Rettung: Rosch Haschana

Natürlich gibt es die kulturhistorische Ausrede.
Der „gute Rutsch“ sei – so heißt es – eine Verballhornung von „Rosch Haschana“, dem jüdischen Neujahrsfest.
„Rosch“ bedeutet „Kopf“ oder „Anfang“.
Sinngemäß also: Einen guten Anfang.

Eine elegante Erklärung.
Fast zu elegant.

Denn irgendwer muß aus „guter Anfang“ irgendwann „viel Glück beim Ausgleiten“ gemacht haben.
Sprachentwicklung als Sturzprotokoll.

Stellen wir uns das einmal vor

Nehmen wir an, wir würden diesen Brauch konsequent nachahmen:

  • Zum Geburtstag: „Einen guten Stolperer!“
  • Zur Hochzeit: „Kommt gut ins Schleudern!“
  • Zur Prüfung: „Rutsch sauber durch!“

Es klingt sofort absurd.
Warum also akzeptieren wir es einmal im Jahr kollektiv?

Oder ist es doch eine unterschwellige Drohung?

Man könnte auch weniger wohlwollend deuten.
Vielleicht ist der „gute Rutsch“ die passive Aggression des Kalenders.
Ein freundliches Lächeln, verbunden mit dem Wunsch, daß es Dich wenigstens kurz aushebelt.

Nur ein kleiner Kontrollverlust.
Nur ein Moment Unsicherheit.
Nur ein symbolischer Ausrutscher.

Man weiß ja nie.

Ich wünsche keinen Rutsch

Ich gehe.
Mit Schritt, Richtung und Haltung.

Ich brauche keinen Rutsch ins neue Jahr,
sondern Standfestigkeit.

Keinen Schwungverlust,
sondern Klarheit.

Keine gut gemeinte sprachliche Glätte,
sondern Gesundheit – ohne Gipsverband.

Mein Wunsch – ohne Schleudergefahr

Ich wünsche Dir ein neues Jahr
mit festen Sohlen,
geradem Rücken
und genug Bodenhaftung,
um nicht bei jedem Schlagwort auszurutschen.

Und falls Du mir trotzdem einen „guten Rutsch“ wünschst:
Ich nehme ihn zur Kenntnis.
Aber ich bleibe stehen.

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