Kaum ist der Rauch verzogen und der Gehweg wieder halbwegs sichtbar, beginnt sie. Die große Bilanz. Die Medien sprechen dann von „der Silvesternacht“. Als wäre sie ein Naturereignis. Ein Orkan. Ein Erdbeben. Etwas, das einfach passiert.
Man zählt Verletzte. Sachschäden. Einsatzstunden. Ausgebrannte Mülltonnen. Angegriffene Einsatzkräfte. Und stellt die immergleiche Frage: Wie konnte das nur passieren.
Die Antwort folgt zuverlässig. Man weiß es nicht genau. Die Lage sei komplex. Vielschichtig. Emotional aufgeladen. Es habe unterschiedliche Gruppen gegeben. Unterschiedliche Motivationen. Und natürlich Einzelfälle. Viele Einzelfälle. Flächendeckend.
Das Kind beim Namen zu nennen, gilt weiterhin als unfein. Namen haben schließlich Kanten. Und Kanten stören die Erzählung.
Stattdessen wird diskutiert. Wieder einmal. Über ein Böllerverbot.
Denn irgendwo muß ja die Konsequenz liegen. Und da bietet sich der Normalbürger an. Der mit Wunderkerze. Mit Rakete. Mit Sektglas. Der niemanden beworfen hat. Der keine Einsatzkräfte attackiert hat. Der einfach nur dachte, Silvester sei Silvester.
Aber weil andere ihre Heimatgefühle ausgelebt haben, vorzugsweise mit Sprengstoffersatz und Gruppendynamik, darf der Rest künftig vielleicht nur noch staunen. Oder applaudieren. Oder leise hoffen, daß Erinnerung künftig ohne Zündschnur auskommt.
Das ist gerecht. Irgendwie. Zumindest kommunikativ.
Denn ein Verbot wirkt. Es zeigt Haltung. Es signalisiert Aktivität. Man tut etwas. Und vor allem: Man muß nichts benennen.
Besonders elegant wird es, wenn der Staat dabei mit ernster Miene erklärt, daß Sicherheit oberste Priorität habe. Während er gleichzeitig Milliarden an Steuern einnimmt. Durch Feuerwerk. Durch Glücksspiel. Durch Tabak. Durch alles, was süchtig, laut oder riskant ist.
Spielhallen dürfen weiter blinken. Automaten weiter klingeln. Zigaretten weiter qualmen. Der Fiskus zählt. Und predigt.
Denn Moral und Einnahmen schließen sich nicht aus. Sie ergänzen sich. Man kassiert erst. Und erklärt dann, warum es eigentlich nicht gut ist.
Das kennt man.
Beim Rauchen. Beim Spielen. Beim Trinken. Beim Böllern. Immer gilt: Der Staat warnt. Der Staat mahnt. Der Staat profitiert. Und schaut sehr genau weg, solange die Bilanz stimmt.
Nur einmal im Jahr stimmt sie nicht. Öffentlich. Sichtbar. Mit Rauch und Blaulicht.
Dann wird von Eskalation gesprochen. Von Kontrollverlust. Von Nacht der Gewalt. Und am nächsten Morgen ist wieder alles offen. Nur nicht die Sprache.
Vielleicht ist das die eigentliche Tradition. Nicht das Feuerwerk. Sondern die ritualisierte Überraschung. Die empörte Analyse. Die folgenlose Konsequenz.
Und die leise Hoffnung, daß man nächstes Jahr wieder sagen kann: Damit hat ja niemand rechnen können.

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