Blitzerapp-Verbot – mein Smart lacht leise und fährt trotzdem weiter

„Smarty“ und das Problem mit der Überraschung

Ich fahre einen alten Smart ForFour.
Mit weit über 230.000 Kilometern auf der Tachoscheibe.
Rückwärtsfahren nicht mitgerechnet.
Eine Blitzerapp brauche ich dafür nicht.

Nicht aus Vernunft.
Nicht aus Tugend.

Sondern, weil mein Auto ein philosophisches Verhältnis zur Zeit hat.
Kein modernes. Kein digitales.
Eher eines, das noch weiß, daß Zeit etwas ist,
das vergeht – und nicht etwas, das man überholen muß.

Mein „Smarty“ ist wirklich smart.
Günstig im Unterhalt, sparsam im Verbrauch, zuverlässig.
Einer von der Sorte, die nicht beeindrucken wollen,
sondern einfach ihren Dienst tun, ohne ständig darüber zu sprechen.

Er fährt nicht langsam.
Er entscheidet sich nur selten sofort.

Manchmal habe ich den Eindruck, ich verpasse den Blitzer nicht wegen Raserei,
sondern weil mein Auto sich innerlich erst einmal sortiert.
Während andere Gas geben, schaltet mein Smart in eine Art Denkpause.
Nicht aus Widerstand, eher aus Interesse.

Er stellt Fragen.
Muß das jetzt sein?
Ist das wirklich dringend?
Und vor allem: Wem nützt es eigentlich – jetzt sofort?

Bis er sich entschieden hat, hat der Blitzer Zeit,
das Foto der Fahrer vor mir analog im Fotolabor entwickeln zu lassen.
Mit Trocknung. Mit Rand.
Vielleicht sogar mit Stempel.


Mein Auto beschleunigt nicht.
Es philosophiert über den Sinn von Eile,
über die Relativität von Sekunden
und darüber, warum ausgerechnet hier jemand messen will.

Und manchmal gewinnt es.

Nicht, weil es schneller wäre.
Weil Geschwindigkeit keine Frage von Leistung ist.

Sondern von Haltung.

Und genau diese Haltung scheint neuerdings
nicht mehr vorgesehen zu sein.

Wenn Warnung unerwünscht ist

Mehrere Bundesländer wollen Blitzerapps komplett verbieten.
Die Bundesregierung hält davon wenig.

Allein dieser Gegensatz ist aufschlußreich.
Denn wenn es um Sicherheit ginge, wäre man sich einig.
Ist man aber nicht.

Warum eigentlich?

Vielleicht, weil man dann eine andere Frage beantworten müßte.
Eine, die unangenehmer ist als jede Tempoüberschreitung:
Was passiert eigentlich mit dem Geld?

Mit dem Geld aus den Blitzern.
Zusätzlich zur Kfz-Steuer, zur Spritsteuer, zu Parkgebühren, Umweltabgaben,
zu all dem, was Autofahren längst zu einer Form dauerhafter Abrechnung gemacht hat.

Wofür genau wird dieses Geld verwendet?
Für mehr Sicherheit?
Für bessere Straßen?
Für Prävention?

Oder verschwindet es dort,
wo Geld gern verschwindet,
wenn man keine konkrete Zweckbindung formuliert
und lieber nicht zu genau nachfragt.

Blitzer stehen jedenfalls selten dort, wo es regelmäßig kracht.
Sie stehen dort, wo es regelmäßig funktioniert.

Dort, wo täglich Tausende Pendler vorbeifahren.
Dort, wo man weiß, daß niemand gefährlich fährt,
aber viele für einen kurzen Moment zu schnell sind.

Hinter Hecken.
Hinter Schildern.
Kurz nach dem Ortsausgang –
wenn der Kopf schon auf Landstraße ist,
aber das Schild noch Gemeinde sagt.

Gerade kleinere Orte haben das längst verstanden.
Zwei, vier, manchmal acht Blitzer.
Strategisch verteilt, Gut getarnt, zuverlässig.

Eine eigene Art von Infrastruktur.

Man könnte es kommunale Finanzpolitik nennen.
Oder ehrlicher: Wegezoll ohne Schranke.

Sicherheit ist hier kein Ziel mehr, sondern eine Begründung.

Denn der Blitzer schützt nicht das Dorf.
Er nutzt den Durchgangsverkehr.

Pendler rein. Geld raus.

Und genau deshalb sind Warnapps so unerwünscht.

Offenbar traut man uns nicht

Die Nutzung von Blitzerapps ist bereits verboten.
Schon heute.
Schon seit Jahren.

Man darf sie nicht verwenden.
Nicht eingeschaltet lassen.
Nicht „nur kurz nachsehen“.

Die Regel ist eindeutig.

Warum also der nächste Schritt?
Warum der politische Nachdruck?
Warum noch ein Verbot obendrauf?

Vielleicht, weil man davon ausgeht,
daß sich Autofahrer ohnehin nicht daran halten.

Ein Generalverdacht, leise formuliert.
Nicht ausgesprochen, aber mitgedacht.

Der Bürger trickst.
Der Bürger nutzt Grauzonen.
Der Bürger braucht Kontrolle.

Also muß man nachschärfen.
Nicht, weil das bestehende Verbot unklar wäre.
Sondern, weil Vertrauen offenbar nicht vorgesehen ist.

Blitzerapps, die den Fahrer warnen, sind damit nicht das Problem.
Sie sind nur der Beweis,
daß Kontrolle ohne Überraschung
nicht zuverlässig funktioniert.

Und dann ist da noch mein Smart

Mein „Smarty“ lacht nicht über Blitzer.
Dafür ist er zu alt, zu sparsam und zu realistisch.

Er lacht über die Idee,
daß man überhaupt noch schneller fahren könnte.

Denn längst fährt man langsamer.
Nicht aus Einsicht,
sondern weil der Staat mit der Instandhaltung von Straßen und Brücken
nicht mehr nachkommt.

Schlaglöcher regeln das Tempo zuverlässiger als jedes Tempolimit.
Brücken, die man besser nicht mehr belastet,
übernehmen die Verkehrsberuhigung gleich mit.

Trotz all der Einnahmen.

Trotz Kfz-Steuer.
Trotz Spritsteuer.
Trotz CO₂-Abgabe.
Trotz allem, was Autofahren inzwischen kostet,
ohne daß die Straße davon besser würde.

Das Geld wird gebraucht.
Nur eben woanders.
Für andere Löcher im Haushalt als für die im Asphalt.

Mein Smart weiß das.
Er federt vorsichtig über Straßen,
die aussehen, als hätten sie schon bessere Zeiten gesehen.
Er fährt so, daß er nicht steckenbleibt,
wenn wieder einmal ein Stück Infrastruktur nachgibt.

Und er beobachtet interessiert,
wie parallel dazu Elektroautos propagiert werden,
die im Winter vermehrt liegenbleiben.
Still. Entladen.
Mit Warnblinker und gutem Gewissen – laut Prospekt.

Auch das bremst.

Mein Smart braucht keine Blitzer-Warnapp.
Er braucht auch kein Tempolimit,
keine CO₂-Pädagogik
und keine moralische Begleitmusik.

Er fährt ohnehin langsamer.
Weil man es muß.

Und während der Staat noch mißt, kassiert
und über Überraschungseffekte nachdenkt,
rollt mein Smart leise weiter.

Nicht schnell. Nicht stolz.

Aber erstaunlich funktionsfähig
in einem System,
das von allem genug hat –
nur nicht von funktionierenden Straßen.

Und irgendwo, ganz leise, lacht er wieder.

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