Fangen wir nicht beim Winter an.
Der Winter ist unschuldig.
Fangen wir dort an, wo entschieden wurde, wie dieses Land heizt und wie die gasversorgung nunmehr auszusehen hat.
Deutschland hat sich bewußt dafür entschieden, sein Gas anders zu beziehen. Nicht, weil es keine Alternative gegeben hätte, sondern weil man eine wollte. Diese Entscheidung hatte Folgen. Und sie hat einen Preis. Einen finanziellen. Einen strategischen. Und einen politischen, der sehr offen benannt wird.
Die Bundesregierung hat einen Schuldigen bestimmt. Putin. Rußland. Punkt.
Damit ist die Erzählung abgeschlossen. Und jede weitere Frage gilt als überflüssig.
Die Schuldzuweisung als politischer Schutzschild
Putin ist der ideale Schuldige. Er ist weit weg. Er widerspricht nicht. Und er entlastet zuverlässig.
Solange Rußland an allem schuld ist, muß niemand erklären, warum funktionierende Lieferbeziehungen beendet wurden. Niemand muß erklären, warum langfristige Verträge politisch diskreditiert oder bewußt auslaufen gelassen wurden. Niemand muß erklären, warum man sich freiwillig auf einen teureren und unsichereren Weltmarkt eingelassen hat.
Der Krieg erklärt alles. Also muß nichts mehr erklärt werden.
Gasversorgung: Woher Deutschlands Gas tatsächlich kommt
Das Gas kommt heute im Kern aus drei Richtungen.
Aus Norwegen.
Der letzte verläßliche Pfeiler. Pipelinegas. Stabil. Aber begrenzt. Norwegen liefert, was es liefern kann. Mehr nicht. Das weiß jeder, der sich ernsthaft mit der Materie beschäftigt hat. Auch die Bundesregierung.
Aus den USA und aus Katar.
Flüssiggas. LNG. Per Schiff. Verflüssigt, transportiert, rückverwandelt. Teuer. Volatil. Abhängig vom Weltmarkt. Wer mehr zahlt, bekommt mehr. Deutschland zahlt nicht immer am meisten. Also wartet Deutschland. Und hofft.
Und ja, auch aus Rußland.
Nicht offiziell. Nicht direkt. Aber faktisch. Über Umwege. Über Händler. Über Drittstaaten. Das Gas ist nicht verschwunden. Es wurde politisch unsichtbar gemacht, damit man behaupten kann, unabhängig zu sein.
Das ist keine Energiepolitik. Das ist Selbsttäuschung mit moralischem Etikett.
Der aktuelle Stand der Gasspeicher
Die deutschen Gasspeicher sind derzeit nur noch zu etwa 53 Prozent gefüllt. Das ist kein Ausnahmezustand, aber es ist deutlich weniger als in durchschnittlichen Jahren zu diesem Zeitpunkt.
Früher galt eine klare Regel. Zum Beginn der Heizperiode sollten die Speicher zu 90 Prozent gefüllt sein. Diese Vorgabe existiert nicht mehr. Sie wurde abgeschafft. Still. Technokratisch. Begründet mit Marktstabilität und Preisberuhigung.
Was damit verschwindet, ist kein bürokrisches Detail, sondern Sicherheitsreserve.
Was diese Zahlen bedeuten
Gasspeicher sind kein Vorrat für den Winter. Sie sind ein Puffer. Und dieser Puffer ist jetzt kleiner.
Das fällt nur dann nicht auf, wenn der Winter mild bleibt. Bei längeren Kältephasen sehr schnell. Genau davor wurde bereits 2025 ausdrücklich gewarnt. Prognosen zeigten damals, daß bei niedrigeren Startfüllständen die Speicher bei anhaltender Kälte bereits Ende Januar 2026 weitgehend leer sein könnten.
Das waren keine politischen Meinungen. Das waren Rechenmodelle. Verbrauch, Temperatur, Zufluß. Keine Ideologie. Keine Moral.
Heute liegen die Ausgangswerte noch darunter.
Warum die Politik das hinnimmt
Die Abschaffung der 90-Prozent-Vorgabe hatte ein klares Ziel. Preise dämpfen. Politische Ruhe sichern. Schlagzeilen vermeiden.
Kurzfristig funktioniert das. Gas wird später eingekauft. Speicher bleiben leerer. Preise wirken stabiler.
Langfristig bedeutet es etwas anderes. Weniger Reserve. Weniger Reaktionszeit. Mehr Abhängigkeit vom Wetter, vom Weltmarkt und vom Zufall.
Das ist kein Versagen. Das ist eine Prioritätensetzung.
Was offiziell gesagt wird und was verschwiegen bleibt
Offiziell heißt es, die Versorgung sei gesichert. Es gebe ausreichende Zuflüsse. Man beobachte die Lage.
Was nicht gesagt wird: Diese Sicherheit gilt nur, solange der Winter durchschnittlich bleibt. Solange keine längeren Kälteperioden auftreten. Solange die globalen Märkte mitspielen.
Die Speicher können sich rasch leeren. Sehr rasch. Das ist bekannt. Das ist einkalkuliert. Und es wird akzeptiert.
Die eigentliche Bruchstelle
Früher war die Logik einfach. Hohe Füllstände bedeuteten Sicherheit.
Heute gilt eine andere Logik. Niedrigere Füllstände bedeuten ruhigere Preise.
Die Politik hat sich entschieden, welches Risiko sie lieber trägt.
Nicht das Risiko hoher Kosten.
Sondern das Risiko knapper Reserven.
Das ist keine technische Notwendigkeit. Das ist eine politische Entscheidung.
Die Realität ohne Schutzfolie
Unser Gas kommt heute unsicherer. Es ist teurer. Und das ist kein Versehen, kein Betriebsunfall, kein unglücklicher Verlauf. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.
Die Speicher sind deutlich niedriger gefüllt als in früheren Jahren. Sicherheitsvorgaben wurden gestrichen. Puffer bewußt verkleinert. Verantwortung auf Marktmechanismen und Wetterberichte ausgelagert.
Das ist nicht vertretbar. Punkt.
Ein Land mit dieser wirtschaftlichen Leistung, mit diesem industriellen Kern, mit einem Bruttoinlandsprodukt in Billionenhöhe darf seine Grundversorgung nicht auf Hoffnung und Durchschnittswetter bauen. Es darf Versorgungssicherheit nicht zugunsten kurzfristiger Preisruhe opfern. Es darf Risiken nicht kleinrechnen, nur weil sie politisch unbequem sind.
Was hier betrieben wird, ist keine Vorsorge mehr. Es ist ein kalkulierter Kontrollverlust.
Versorgungssicherheit wurde nicht neu gedacht. Sie wurde heruntergestuft. Nicht, weil es keine Alternativen gab, sondern weil man die Konsequenzen ehrlicher Politik nicht tragen wollte.
Der Winter ist keine Überraschung.
Der Mangel auch nicht.
Ein Staat, der sich eine solche Energiepolitik leistet, leistet sich keinen Wandel, sondern fahrlässige Selbstentkernung.

Schreibe einen Kommentar