Silvester. Wenn der Krieg ausbricht. Pünktlich. Also ungefähr.

Es ist jedes Jahr dasselbe Ritual. Kaum verabschiedet sich das alte Jahr hustend und leicht benommen, beginnt das neue mit einem akustischen Großangriff. Explosionen. Detonationen. Lichter, als hätte jemand beschlossen, den Himmel noch einmal zu belehren, wer hier das Sagen hat.

Wobei „pünktlich“ natürlich relativ ist.

Denn es geht nicht erst um Mitternacht los. Das wäre ja auch unerquicklich. Wer beginnt schon einen Krieg nach Fahrplan. Der Überraschungsmoment ist entscheidend. Man heizt sich ein. Schon am frühen Abend. Manchmal am Nachmittag. In manchen Vierteln gefühlt seit dem Frühstück. Seit 5 Uhr 45 wird vorgeglüht. Seit 20 Uhr getestet. Ab 22 Uhr eskaliert. Um Mitternacht ist man längst warmgeschossen.

Man nennt das Brauchtum. Oder Tradition. Oder ganz nüchtern: Böllern.

Ursprünglich sollten damit böse Geister vertrieben werden. Heute fragt man sich, warum sie offenbar alle zurückkehren und sich bevorzugt in bestimmten Stadtteilen sammeln. Jenen Vierteln, die man vorsichtig „herausfordernd“ nennt, um das Wort Problemviertel nicht auszusprechen. Dabei weiß jeder, was gemeint ist.

Denn es sind auffallend oft genau diese Gegenden, in denen Silvester nicht gefeiert, sondern exerziert wird. Wo Einsatzkräfte nicht willkommen sind, sondern Ziel. Wo Feuerwehrfahrzeuge nicht löschen, sondern ausweichen müssen. Wo der Rettungswagen nicht rettet, sondern hofft, heil wieder herauszukommen.

Und dann beginnt sie, die große Silvester-Erklärungsshow.

Besonders beliebt ist die Theorie der Heimatnostalgie. Das Krachen erinnere an früher. An Zuhause. An Kindheit. An vertraute Geräusche. An Nächte, in denen es auch laut war. Sehr laut. Man fühlt sich verbunden. Verwurzelt. Emotional.

Das ist rührend. Und vor allem praktisch.

Denn Heimatnostalgie ist eine erstaunlich dehnbare Kategorie. Sie erklärt, warum Raketen aus Fenstern geschossen werden. Warum Böller gezielt auf Einsatzkräfte fliegen. Warum Straßenzüge aussehen wie nach einem sehr kurzen, aber sehr intensiven Kriegsspiel.

Es sind ja keine Angriffe. Es sind Erinnerungen.

Wenn das Blaulicht aufleuchtet, ist das kein Einsatz. Das ist Symbolik. Wenn der Rettungswagen wenden muß, ist das keine Gefährdung. Das ist kultureller Ausdruck. Und wenn Feuerwehrleute angegriffen werden, dann vermutlich, weil Feuer in der Heimat schon immer eine besondere Rolle gespielt hat.

Man darf das alles nicht falsch verstehen. Das ist kein Chaos. Das ist Gefühl.

Auffällig ist nur, daß diese Heimatgefühle erstaunlich selektiv auftreten. Sie explodieren zuverlässig in bestimmten Vierteln. Und sie richten sich fast immer gegen dieselben Menschen. Polizei. Feuerwehr. Rettungskräfte. Menschen also, die weder Fluchtursachen geschaffen noch Integrationskonzepte geschrieben haben.

Noch auffälliger ist, daß diese Nostalgie ein ausgezeichnetes Gedächtnis für Explosionen besitzt, aber ein ausgesprochen schlechtes für Regeln. Für Rücksicht. Für Respekt gegenüber dem Land, in dem man jetzt lebt.

Vielleicht ist Heimatnostalgie am Ende einfach das freundlichste Wort für etwas anderes. Für das Ausleben von Macht. Für das Testen von Grenzen. Für das sichere Wissen, daß Verständnis wahrscheinlicher ist als Konsequenzen.

Zwischen all dem steht der deutsche Diskurs. Vorsichtig. Auf Zehenspitzen. Bloß nichts benennen. Bloß nicht unterscheiden. Bloß nicht anecken. Man spricht lieber von „Gruppen“. Von „Jugendlichen“. Von „dynamischen Situationen“.

Währenddessen steht der Rest der Stadt hinter geschlossenen Fenstern und hofft, daß der Querschläger nur metaphorisch bleibt.

Und dann sind da noch die Hunde.

Plötzlich sind sie das Hauptargument. Der Hund leidet. Der Hund hat Angst. Der Hund ist traumatisiert. Derselbe Hund, der den Rest des Jahres klaglos durch Kirmesmärkte, Fußgängerzonen, Stadtfeste und Einkaufszentren geführt wird. Zwischen Menschenmassen, Lautsprechern, Kinderwagen und Dauerbeschallung. Alles kein Problem.

Aber an Silvester ist er auf einmal ein hochsensibles Seismographenwesen. Ein Opfer. Ein moralischer Joker. Natürlich gilt das Mitgefühl nur selektiv. Gegen Böller, nicht gegen Dauerlärm. Gegen Feuerwerk, nicht gegen Menschenmassen.

Diese Ambivalenz ist bemerkenswert. Oder ehrlicher gesagt: unerquicklich.

Es ist dieselbe Gesellschaft, die Gewalt relativiert und Lärm skandalisiert, Ursachen analysiert und Wirkungen ausblendet, Verständnis einfordert, aber Respekt zur freiwilligen Übung erklärt.

Vielleicht sollten wir ehrlich sein.

Es geht nicht um Tradition. Nicht um Kultur. Nicht um Heimat. Es geht um Macht auf Zeit. Um Kontrollverlust mit Ansage. Um die kollektive Übereinkunft, daß in dieser Nacht Regeln verhandelbar sind. Und manche mehr dürfen als andere.

Die bösen Geister jedenfalls werden nicht vertrieben. Sie haben sich längst eingerichtet. In den Straßen. In den Köpfen. Und in der erstaunlichen Bereitschaft, jedes Jahr wieder überrascht zu tun.

Pünktlich. Also ungefähr.

Ungefilterte Nachrichten.

Tragen Sie sich ein, um auf dem Laufenden zu bleiben.

*Datenschutz garantiert. Erfahren Sie mehr in der Datenschutzerklärung.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert